Konfliktlösung

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Konfliktlösung

Ein Konfliktlösungsansatz für Deutschland?

Ein Konflikt stellt generell ein Problem dar, also eine noch nicht gelöste Aufgabe, bei der verschiedene Gruppierungen von Menschen oder auch Einzelpersonen im Zusammenwirken unterschiedlicher Auffassung darüber sind, wie das Problem zu lösen sein soll.

Das Spannungsfeld

Als Anmerkung sei gesagt, dass es in der Natur von uns Menschen liegt, auf eigene Vorteile bedacht zu sein und für uns stets “das Beste” herausholen zu wollen. Davon ist wohl niemand frei.

Je nach Sichtweise lässt sich folgendes Best- bzw. Worst- Case- Szenario (also extreme Ansichten) als Bestandteil des Gesamtspannungsfeldes aufzeichnen:

  • Landwirte und Schäfer wünschten alle freilebenden Wölfe wieder weg von den Flächen, was nur durch erneute Ausrottung zu erreichen ist, und Wölfe werden nur in den Gebieten geduldet, wo extensive Weidetierhaltung nicht vorkommt.
  • Jäger wünschten alle freilebenden Wölfe heraus aus ihren Revieren bzw. die Dezimierung des Wolfsbestandes vor Ort, was nur durch Bejagung mit sämtlichen Mitteln zu erreichen ist und Wölfe werden nur in kleinen und wenigen definierten Gebieten (z.B. nur auf Truppenübungsplätzen) geduldet.
  • Die allg. Bevölkerung wünscht einen Wolfsstatus, der sie in Sicherheit wägt, niemals Gegenstand eines Wolfsangriffes zu werden.
  • Tierschützer wünschen, dass Wölfe sich frei entfalten können und niemals bejagt werden.
  • Die Tourismusbranche wünscht, alle freilebenden Wölfe vollständig aus den Tourismusgebieten herauszuhalten, wie z.B. entlang der Nord- und Ostseeküstengebiete oder z.B. auch aus den süddeutschen relevanten Almengebieten.
  • Die Bundes- und Länderregierungen möchten es dabei belassen, dass keine finanziellen Mittel für Präventionsmaßnahmen und Schadensregulierung bereitgestellt werden müssen, da Wölfe herrenlose Wildtiere darstellen, auf die kein entsprechender Rechtsanspruch besteht. Ferner werden EU-Artenschutzgesetze weiterhin umgesetzt.

Nun stellt sich als nächstes die Frage, wie die unterschiedlichen Forderungen befriedigt werden können. Doch zunächst ein paar Überlegungen über die Resultate von beigelegten Streitigkeiten:

  • Eine der Streitparteien setzt alle eigenen Forderungen vollständig durch
  • Eine der Streitparteien setzt die Mehrheit aller eigenen Forderungen durch
  • Eine der Streitparteien setzt die Minderheit aller eigenen Forderungen durch
  • Eine der Streitparteien setzt gar keine der eigenen Forderungen durch

Ferner besteht die Möglichkeit, dass…

  • die Parteien sich mit Ihrem Verhandlungsergebnis zufrieden geben
  • die Parteien sich mit Ihrem Verhandlungsergebnis nicht zufrieden geben und über einen Rechtsbeistand, die Politik, die Öffentlichkeit oder über andere Einflussnehmer den Streitkonflikt weiter aufrecht erhalten.

Ebenfalls kann es sein, dass die Partei(en) sich als

  • Sieger empfinden mit der Wahrnehmung, dass die andere(n) Partei(en) die Verlierer sind, weil “die ja sowieso nur Unrecht haben”.
  • Verlierer empfinden mit der Wahrnehmung, dass die andere(n) Partei(en) die Sieger sind, weil “die ja sowieso nur Recht haben”.
  • Gewinner empfinden mit der Wahrnehmung, dass auch die anderen (zumindest teilweise) gewonnen haben.

Wildtier-Management

Das Ergebnis bzw. die Lösung eines Streitkonfliktes stellt unseres Erachtens nach immer ein Verhandlungsergebnis dar, welches zumindest die Zustimmung der Mehrheit der Betroffenen Streitparteien erfährt, in Verbindung mit dem Respekt und der Wertschätzung der jeweils anderen Partei. Ideal ist dann wiederum, dass alle der Lösung zu 100 % zustimmen.

Die große Fragestellung ist also, ob eine Lösung (oder mehrere) im deutschen Wolfskonflikt gefunden werden kann, die zumindest die Mehrheit der direkt betroffenen Streitparteien in einen Konsens bringt. Dieser Konsens ist sodann in einem rechtssicheren Vertragsrahmen niederzuschreiben. Die grundlegenden Randbedingungen sind und bleiben unserer Meinung nach jedoch bestehen: Eine erneute Ausrottung des Wolfes in Deutschland wird und darf es nicht geben. Das wird auch der Gesetzgeber aus artenschutzrechtlichen Gründen nicht zulassen. Desweiteren werden sich Wölfe in Deutschland weiter ausbreiten.

Die Disziplin “Wildtier-Management” wurde vor über 70 Jahren von dem Amerikaner Aldo S. Leopold in den Vereinigten Staaten entwickelt (LEOPOLD 1933). In Deutschland hat der Begriff erst ein halbes Jahrhundert später Einzug gehalten. Vereinfacht ausgedrückt, versteht man darunter die Summe aller Maßnahmen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Diese Definition macht zweierlei deutlich: Wildtier-Management richtet sich nicht an die Tiere, sondern an die Menschen, die mit den jeweiligen Tieren zu tun haben. Und Management braucht ein Ziel.

Gutes Wildtier-Management schließt die aktive Beteiligung aller betroffenen Interessengruppen, Verbände und Institutionen ein. Es gelingt auf Dauer nur, wenn alle Beteiligten zielorientiert vorgehen, sich während des gesamten Verfahrens abstimmen und den Prozess transparent gestalten. Wildtier-Management ist ein kommunikativer und partizipatorischer Prozess. Auch die Vorstellungen der Bevölkerung sollen in den Managementplan einfließen.

Losgelöst vom heutigen gültigen Rechtsrahmen kann hier im Folgenden beschriebenes Szenario eine dauerhafte und tragfähige Lösung für Deutschland sein, für die jedoch teilweise noch ein entsprechender Rechtsrahmen zu schaffen ist und wohl erst in 10 bis 20 Jahren zu erwarten sein kann – wenn überhaupt:

Zur Überführung von den unten beschriebenen verschiedenen Teillösungen in eine Gesamtlösung bedarf es unseres Erachtens nach einer Wolfsmanagementbehörde auf Bundesebene, die sich der gesamten Konfliktthematik um den Wolf annimmt und durch eine Kommission zusätzlich beratend unterstützt wird. Zu den Vertretern der Kommission zählen Menschen aus den Bereichen der Nutztierhaltung, der Jagd, des Tourismus, der Forst, Naturschutz, Tierschutz, etc. Während die Wolfsmanagementbehörde Entscheidungen in Bezug auf das Wolfsmanagement (Monitoring, Herdenschutz, Wolfsregulierung, Vergrämungsaktionen) trifft, tritt die Kommission regelmäßig beratend an die Seite der Wolfsmanagementbehörde. Föderalismusbedingt gibt es solche Konstrukte bereits heute in verschiedenen Bundesländern. Es sollte jedoch ein Wolfsmanagement auf Bundesebene angestrebt werden. In diesem hier beschriebenen Modell steht der Wolf jedoch weder im Naturschutzgesetz, noch im Jagdgesetz – er steht in einem für ihn als Topprädator relevanten Wildtiermanagementgesetz, welches beide Aspekte des Naturschutzes und der Jagd in sich eint. Ferner wird nur auf Bundesebene grundsätzlich über ihn entschieden, aufgrund seiner Lebensweise hinsichtlich Territorialität, Reprodutionsfähigkeit und seines Abwanderungsverhaltens.

Teillösungen zum Ziel

4 ) In denjenigen Gebieten, in denen aufgrund der extensiven Weidetierhaltung eine hohe Dichte an Nutztieren (z.B. die ausgeprägte Milchkuhhaltung in Nordwestdeutschland) einer deutlich geringeren Dichte an Wildbeutetieren gegenübersteht, sollte entschieden werden, ob der Wolf dort toleriert werden kann. Die Grenzen solcher Gebiete orientieren sich dabei möglicherweise an Landkreisgrenzen.

5 ) Amtlich festgestellte Problemwölfe in Bezug auf Sicherheit des Menschen dürfen aus der freien Wildbahn letal entnommen werden, wenn Vergrämungsmaßnahmen im ersten Ansatz versagen. Selbstverständlich muss der Wolf dazu unverwechselbar identifiziert werden können.
Um Vergrämungsmaßnahmen vornehmen zu können, ist es von wichtiger Bedeutung, dass es auf Bundesebene eine kleine Gruppe von fachkundigen Akteuren gibt, die erforderliche Vergrämungsmaßnahmen umsetzen dürfen und können.

6 ) Amtlich festgestellte Problemwölfe in Bezug auf die stete Überwindung von Herdenschutzmaßnahmen dürfen umgehend aus der freien Wildbahn letal entnommen werden. Selbstverständlich muss der Wolf dazu unverwechselbar identifiziert werden können.

7 ) Ist der günstige Erhaltungszustand (inkl. Sicherheitsfaktor) des Wolfes erreicht, wird der Bejagung des Wolfes in der unteren Jugendklasse zugestimmt. Sollte der günstige Erhaltungszustand – aus welchem Grund auch immer – wieder unterschritten werden, wird die Bejagung des Wolfes solange wieder gestoppt bis der günstige Erhaltungszustand mit Sicherheitsfaktor erneut erreicht ist. Die Bejagung des Wolfes stellt in diesem Kontext jedoch keine zwingende Erfordernis dar, kann jedoch ein Beitrag zur Milderung des Konfliktes auf der Stellvertreterkonfliktebene sein.

8 ) Alle Maßnahmen in den Belangen des Herdenschutzes und der Bejagung werden ständig wissenschaftlich begleitet.

Es braucht Zeit

Der hier zuvor grob umrissene Lösungsansatz, wird nicht unbedingt jedermann zufrieden stellen. Von einer 100%-Win-Win-Situation weicht dieser Lösungsansatz auch ab. Tatsächlich aber generiert dieser Weg mehr Tragfähigkeit als alles Bisherige. Aber es ist machbar. Denn es ist ein Schritt, der die Beteiligten in ein Boot holt und sie nicht ausschließt. Wäre dies nicht ein großer Anteil für ein echtes Wildtiermanagement im Großraubtierbereich? Unsere Gesellschaft ist vielschichtig. Kritische Stimmen sagen, dass der Wolf die Gesellschaft nur Geld kostet. Das stimmt. Ein finanzieller Gewinn wird durch den Wolf nicht zu erwarten sein. Von einer Metaebene aus betrachtet, kann der Wolf als eine Möglichkeit für Weiterentwicklung unserer Gesellschaft angesehen werden, wenn es uns nämlich gelingt, die Menge der Konflikte zu reduzieren bei gleichzeitiger dauerhafter Gesunderhaltung der Wolfspopulation. Wir zählen zu den reichsten Nationen der Welt. Wenn wir, als moderne Gesellschaft, die Probleme mit freilebenden Wölfen nicht gelöst gekommen, versagen wir! Es ist eine Frage des Willens. Klar ist auch, dass der gesamte Prozess auch seine Zeit braucht – auch in unseren Köpfen.