Der Wolf

Der Wolf

Der Wolf

Lebensweise

In Anbetracht der Tatsache, dass es zum Wolf, seiner Biologie, Ökologie und zu seinem Verhalten bereits umfassende Literatur gibt, erfolgt an dieser Stelle nur ein kurzer Überblick über den Wolf und seine Lebensweise. Detaillierter nachzulesen ist diese u. a. auch in „Ökologie und Verhalten des Wolfes“ von Sebastian Körner, der dort größtenteils ein Standardwerk der englischen Wolfsliteratur (Mech & Boitani, 2003) auf Deutsch zusammenfasst.

Ursprünglich war der Wolf auf der gesamten nördlichen Erdhalbkugel verbreitet und gilt als das am weitesten verbreitete Landsäugetier der Welt. Die heimische Wolfsunterart ist der Europäische Grauwolf (Canis lupus lupus).

Familienleben

Wölfe sind Tiere, die in einem Familienverband, dem sog. Rudel leben. Den Kern eines solchen Rudels bildet in der Regel ein Paar aus zwei erwachsenen, adulten, Wölfen unterschiedlichen Geschlechts. Der Rüde (♂) und die Fähe (♀) verpaaren sich lebenslang monogam miteinander und beanspruchen ein Territorium (Jagdrevier) für sich. Dieses Territorium bietet die Grundlage für die Ernährung des Rudels, sowie Rückzugsgebiete für die Welpenaufzucht. Innerhalb seines Territoriums zieht das Wolfspaar Jahr für Jahr seinen Nachwuchs auf. Dieser Nachwuchs bleibt im Allgemeinen bis zur eigenen Geschlechtsreife im Revier der Eltern und wandert dann ab, um sich ein eigenes Territorium und einen Fortpflanzungspartner zu suchen, so dass dann an anderer Stelle ein weiteres Rudel gegründet werden kann. Die Geschlechtsreife tritt durchschnittlich im Alter von ca. 22 Monaten ein. Die Fortpflanzung des Wolfes erfolgt einmal jährlich. Die sog. Ranzzeit liegt am Jahresanfang und ist in die Vorranz (Mitte Januar – Ende Februar) und die Hochranz (etwa Anfang März) zu unterscheiden.

In der Regel reproduziert sich in einem Revier nur das Wolfspaar, das auch das Revier beansprucht. Ausnahmen dazu werden weiter unten beschrieben. Die Fähe ist in der Hochranz für eine knappe Woche empfängnisbereit. Nach neun Wochen (63 Tagen) Tragzeit werden einmal jährlich etwa Ende April bis Mitte Mai durchschnittlich vier bis sechs Welpen geboren, beim Wolf sagt man auch geworfen. Die Geburt findet im Schutze eines meist selbstgegrabenen Erdbaus, der Wurfhöhle, statt. Die Zahl der geworfenen Welpen kann – je nach Beutetierverfügbarkeit – zwischen einem und bis zu elf Welpen stark variieren. Zur Welt kommen die Welpen bereits behaart, sie sind zunächst jedoch noch blind und taub und können i. A. erst mit ca. zwei Wochen sehen und erst mit ca. drei Wochen hören. Im Rahmen ihrer hochsozialen Lebensweise werden die Welpen von allen Rudelmitgliedern aufgezogen. In einer solchen Kleinfamilie gibt es keine schwer umkämpften Rangpositionen, wie den Alpha-, Beta-, Gamma- oder Omegawolf. Solche strengen Hierarchien wurden unter Gehegebedingungen beobachtet. In der Kleinfamilie sind die Eltern die natürlichen Autoritäten, ihre älteren Nachkommen haben selbst bereits mehr zu sagen als die Jüngsten, die Welpen, doch habe sie nicht den Status eines Elternteils.

Erst, wenn sie das Revier der Eltern verlassen haben, stehen sie auf eigenen Beinen. Bei ihrem ersten Wurf kümmern sich die Eltern gemeinsam um die Aufzucht. Hatten sie bereits im Vorjahr Welpen, so sind diese inzwischen einjährigen Nachkommen, sogenannte Jährlinge, ebenfalls an der Aufzucht der Welpen beteiligt. Ein derartiges Familienleben setzt voraus, dass sich die einzelnen Familienmitglieder sehr deutlich mit einander verständigen können. Wölfe kommunizieren sehr ausgeprägt miteinander. Für die Kommunikation setzen sie alles ein was ihnen zur Verfügung steht. So verständigen sie sich mithilfe ihrer differenzierten Körpersprache und Mimik, ebenso wie über vielfältige Lautäußerungen und den Einsatz von Geruchsstoffen, beispielsweise zur Reviermarkierung, ganz klar und deutlich miteinander. Die ersten Lebenswochen verbringt das Rudel in der Umgebung der Wurfhöhle, später zieht es an einen sogenannten Rendezvousplatz um. Dort werden die Welpen dann von den älteren Familienmitgliedern mit Fleisch versorgt, welches die Älteren von der Jagd mit zurückbringen und auf das Bettelverhalten der Welpen hin hervor würgen.

Grauwolf im Wolfcenter Dörverden Frank Fass

Bereits mit sechs bis sieben Monaten haben die Welpen schon fast die gleiche Größe wie die adulten Wölfe, auch wenn das Skelettwachstum erst mit etwa einem Jahr abgeschlossen ist. So können sie schon zu Beginn des Winters bei längeren Wanderungen durch das Revier von Riss zu Riss mit den älteren Rudelmitgliedern mithalten. Das eigenständige Jagen ist trotz angeborenem Jagdtrieb den Welpen in diesem Alter jedoch noch nicht möglich. Sie lernen das erfolgreiche Jagen durch Beobachtung der Eltern bei der Jagd. Im Alter von eineinhalb bis zwei Jahren wandern die Nachkommen schließlich aus dem Revier der Eltern ab und machen sich auf die Suche nach einem eigenen Territorium und Sexualpartner. Für die eigene Reproduktion benötigt jeder Wolf, egal ob Rüde oder Fähe, das eigene Territorium mit ausreichend zur Verfügung stehenden Beutetieren und einen möglichst nicht nah verwandten Sexualpartner. So mag es in Ausnahmefällen mal vorkommen, dass sich sogar Verwandte ersten Grades verpaaren, doch in der Regel gibt es bei Wölfen eine Inzuchtsperre.

Auch wenn diese Territorien generell große Flächen umfassen können – in Mitteleuropa zwischen 150 und 350 km² -, so sind Wölfe äußerst anpassungsfähige Tiere, die lediglich ausreichend Beutetiere und – in der Zeit Welpenaufzucht – kleine ungestörte Bereiche innerhalb ihres Revieres benötigen und nicht auf große, zusammenhängende Wälder oder Wildnis angewiesen sind. Und so überrascht es auch nicht, dass es zu der bisher beschriebenen regelmäßig anzutreffenden Lebensweise auch immer wieder Abweichungen geben kann. Diese können sowohl individuelle als auch situationsbedingte Hintergründe haben.

Das Durchschnittsalter für Wölfe in freier Natur liegt bei etwa sieben bis acht Jahren, allerdings können sie auch bis zu 13 Jahre alt werden, in Gefangenschaft sogar noch älter, hier wurden Wölfe nachweislich bereits bis zu 17 Jahre alt. Und auch in freier Natur können sich Wölfe bis ins Alter hinein fortpflanzen, so ist aus dem Nochtener Rudel in der Lausitz bekannt, dass die damalige Fähe bis ins Alter von 11 Jahren Welpen zur Welt brachte.

Fortpflanzungsstrategien

Die Abwanderung, auch Dispersal genannt, wird von beiden Geschlechtern unternommen. So anpassungsfähig, wie der Wolf ist, so unterschiedlich können auch die verschiedenen Fortpflanzungsstrategien sein. Die Abwanderung ist eine dieser Strategien. Sie wird in der Regel in einer Wolfspopulation gefunden, die sich gerade ausbreitet: es gibt ausreichend mögliche, noch unbeanspruchte Territorien. Dadurch, dass die Nachkommen eines Elternpaares abwandern und sich ein eigenes Revier suchen, gibt es erfahrungsgemäß innerhalb eines Revieres auch keine unkontrollierte Vermehrung in einem Wolfsterritorium. Generell können immer nur so viele Wölfe in einem Revier leben, dass die Beutetiere nachhaltig genutzt werden. Bei der durchschnittlichen Abwanderungsdistanz gibt es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede, jedoch scheint es bei Rüden eher eine Tendenz für Langstreckenabwanderungen zu geben. Nordamerikanische Studien haben ergeben, dass Wölfe ihr eigenes Revier durchschnittlich etwa 50 km zum elterlichen Revier entfernt beanspruchen. Häufig verlassen die erwachsen gewordenen Wölfe das elterliche Revier allein, gelegentlich wandern mehrere Geschwister gemeinsam ab und trennen sich später von einander. In Deutschland haben wir noch keine gesättigte Wolfspopulation, daher ist derzeit die Abwanderung, das Dispersal, die am häufigsten beobachtete Fortpflanzungsstrategie, jedoch wurden für einige Jungwölfe in der Lausitz bereits abweichende Strategien (Nr. 3, Nr. 5 und Nr. 6; s.u.) beschrieben.

Grenzen innerhalb einer sog. gesättigten Wolfspopulation (z.B. in Nordamerika) bereits viele Territorien aneinander, so ist es für einen jungen erwachsenen Wolf schwierig, ein eigenes Revier zu finden. Unter solchen Bedingungen wurden weitere Strategien, ein eigenes Revier zu beanspruchen und dadurch auch eine Möglichkeit, sich zu reproduzieren, beobachtet:

Territorien

Ein Gebiet, dass über die überlebenswichtigen Ressourcen verfügt (z.B. Paarungspartner, Nahrung, Bereiche der Brutpflege), wird oftmals gegen Art- oder Geschlechtsgenossen verteidigt, man spricht dann auch von einem Territorium. Wie bereits beschrieben, ist das Territorium für die Fortpflanzung des Wolfes ein wichtiger Faktor. Die Lage der einzelnen Territorien zueinander kann, wie auch die Möglichkeiten, ein eigenes Revier für sich zu finden, sehr variieren. So gibt es mancherorts eine Art Niemandsland zwischen den Revieren – eine Art Korridor. Die Territorien können aber auch mit direkter Grenzlinie verlaufen oder gar überlappen. Die Beanspruchung eines Reviers wird durch deutliche Markierung kundgetan. Hierzu nutzen die Revierinhaber ihren Urin und ihren Kot, auch Losung genannt. In regelmäßigen Abständen, durchschnittlich alle 240 m, werden an exponierte und z.T. auch erhöhte Stellen Urin- und Kotmarkierungen gesetzt, deren Geruch für andere Wölfe, je nach Witterungsverhältnissen, zwischen zwei und drei Wochen wahrnehmbar ist. Auch akustisch, über das Heulen, kann der Revieranspruch deutlich gemacht werden.

Habitus (Aussehen)

Bei Wölfen gibt es einen sog. Sexual- oder auch Geschlechtsdimorphismus. Das bedeutet, dass sich hinsichtlich der Morphologie (Körperbau, -form) oder der Färbung deutliche Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen einer Art zeigen, wobei sich diese Unterschiede nicht auf die primären Sexualmerkmale beziehen, sondern die sog. sekundären Sexualmerkmale darstellen (z.B. Geweihe beim Hirsch, Gefiederfärbungen bei manchen Vogelarten, u.v.m.)1. Beim Wolf betrifft der Geschlechtsdimorphismus die Körpermaße. Einen kurzen Überblick über die Körpermaße des Wolfes bietet folgende Tabelle:

  • Schulterhöhe Fähen, adult60 - 80 cm
  • Schulterhöhe Rüden, adult70 - 90 cm
  • Kopf-Rumpf-Länge Fähen, adult97 - 124 cm
  • Kopf-Rumpf-Länge Rüden, adult105 - 140 cm
  • Gewicht Fähen, adult36 - 39 kg
  • Gewicht Rüden, adult43 - 46 kg
  • Gewicht Fähen, Jährling19 - 35 kg
  • Gewicht Rüden, Jährling20 - 35 kg

Zweimal im Jahr erfolgt ein Fellwechsel. In der Zeit von August bis Oktober beginnen die Wölfe, für den Winter ein dickes, dichtes und gut gegen Kälte isolierendes Winterfell aufzubauen. Dieses verlieren sie im April beginnend, so dass sie für den Sommer ein kurzes, viel dünneres Sommerfell tragen.

Wölfe sind in der Lage sehr ausdauernd zu wandern. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 8 – 10 km/h können sie in einer Nacht bis zu 70 km hinter sich lassen. Für Wanderungen nutzen Wölfe eine sehr energieeffiziente Gangart, den sog. geschnürten Trab, bei dem sie eine charakteristische Spur aus sog. Trittsiegeln hinterlassen. Dadurch, dass sie beim „Schnüren“ die Hinterpfote einer Körperseite in den bereits von der Vorderpfote derselben Körperseite hinterlassenen Abdruck setzen, sehen die Spuren aus wie Perlen an einer Schnur, woher sich auch der Name dieser Gangart ableitet. Wölfe sind jedoch auch in der Lage in kurzen Sprints Geschwindigkeiten bis zu 64 km/h zu erreichen.


  1. Schäfer, M., Spektrum Akademischer Verlag GmbH, 4. Auflage, Heidelberg-Berlin (2003): Wörterbuch der Ökologie.

Mit Blick auf die Bundesrepublik Deutschland gibt es seit der Rückkehr der ersten Wölfe in Ostdeutschland, genauer in Sachsen, bundesweit ein Forschungsprojekt, welches sich mit der Frage der Nahrungszusammensetzung der Wölfe beschäftigt. Wagner et al.1 veröffentlichten die Verteilung der von Wölfen vertilgten Biomasse auf Beutetierarten in einem Untersuchungsgebiet von 2.500 km2 Größe. Von April 2001 bis März 2009 wurden insgesamt 1.890 Losungen (Kothaufen von Wölfen) eingesammelt und im Labor untersucht. Die Analyseergebnisse (nur aufgerundete Werte darstellbar) des nebenstehenden Säulendiagrammes zeigen deutlich, dass die Nahrung des Wolfes mit Abstand im Wildtierbereich liegt. Jüngere Auswertungen (4.136 ausgewertete Losungen, von April 2001 bis Januar 2012) zeigen keine signifikanten Abweichungen im Spektrum.

In anderen Bundesländern (Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern) zeigt sich ein ähnliches Bild (untersucht in mehreren Abschlussarbeiten/-berichten). Lediglich die Anteile an Rothirsch und Damhirsch in der Nahrung ändern sich in Abhängigkeit ihres Vorkommens im betrachteten Gebiet. Reh und Wildschwein sind flächendeckend vorhanden.


  1. Wagner, C., Holzapfel, M., Kluth, G., Reinhardt, I., Ansorge, H., Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde (2012): Wolf (Canis lupus) feeding habits during the first eight years of its occurence in Germany.
  • Biomasse [%]

Es ist unmöglich für alle Wölfe dieser Welt identisch gültige Aussagen zu treffen. Selbst innerhalb der Metapopulation einer Wolfsunterart wie zum Beispiel Europäischer Grauwolf (Canis lupus lupus) ist es nicht eindeutig möglich vorherzusagen, wie sich die Wölfe verhalten bei ihrer selbstständigen Wiederansiedlung in einem Gebiet, in dem sie Jahrzehnte nicht mehr vorgekommen sind. Es muss stets der gesamte Kontext betrachtet werden – eine nicht einfache Aufgabe, die mit vielen Fragen verbunden sein muss: Wie setzt sich das potentielle Beutespektrum zusammen? Sind die Beutetiere auch wirklich erreichbar? Wölfe lernen u.a. am Erfolg und Nichterfolg – können sie in einem Gebiet ihr Beutespektrum erweitern oder jagen sie nur die Tierarten, die sie im elterlichen Rudel “gelehrt” bekamen? Wie hoch ist die Siedlungsdichte des Menschen? Gibt es geeignete Rückzugsräume? Wie hoch ist der Freizeitdruck in der Natur durch den Menschen? Wie stellen sich Art und Umfang der Nutztierhaltung dar? Wird das Nutzvieh durch geeignete Zäune geschützt? Und, und, und …

Sinnesleistungen des Wolfes

  1. Mech, L. D., & Boitani, L. (Eds.). University of Chicago Press, Chicago, Illinois, USA (2003): Wolves – behavior, ecology, and conservation.
  2. Rauth-Widmann, B., KOSMOS Verlag (2014): Die Sinne des Hundes – Wie Hunde ihre Welt wahrnehmen.

Märchen und Mythen über den Wolf

Geschichtliches