Der Herdenschutz

Der Herdenschutz

Der Herdenschutz

Aus unserem Fachbuch zum Thema

Liebe Leserinnen und Leser,

wir nutzen an dieser Stelle die Gelegenheit, darauf aufmerksam zu machen, dass wir ein umfangreiches Buch über den Schutz von Nutztieren vor wild lebenden Wölfen in Deutschland geschrieben haben. Dieses Buch erschien im Frühjahr 2018 im Verlag Müller Rüschlikon. Wir beziehen uns dabei auf diejenigen Gebiete, die dem Flach- und Hügelland entsprechen – lassen somit den Alpenraum außer acht.

Da unseres Erachtens nach der Herdenschutz von landwirtschaftlichen Nutztieren einen komplexen Konfliktkreis darstellt, raten wir zu diesem 384 Seiten umfassenden Buch mit über 600 Abbildungen.

Im Folgenden finden Sie einen Auszug aus dem Vorwort, den wir hier als Standpunkt beschreiben.

“Wölfe sind in Deutschland keine wirkliche Neuheit mehr. Längst können wir auf Erfahrungswerte mit den wild lebenden Großraubtieren als Rudel, als Paare ohne bisherigen Nachwuchs und als Einzeltiere, die sich ortstreu nieder gelassen haben – also auch territorial leben – zurück blicken.

Der Motor für die Entwicklung der stetig steigenden Wolfsterritorienanzahl und deren Verbreitung auf der Landkarte verschiedener Bundesländer sind internationale Artenschutzabkommen und Richtlinien sowie nationale Gesetze und Verordnungen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Wölfe durch Menschen ausgesetzt, also bewusst in Deutschland ausgewildert wurden. Sämtliche nationalen Gesetzgebungen verbieten die Wiederauswilderung durch den Menschen vollständig. Es drängt sich der Eindruck auf, dass hier Tatsachen und Informationen aus dem Wiederansiedlungsprojekt des Luchses im Nationalpark Harz vermischt werden.

Es ist meines Erachtens nach von aller höchster Bedeutung, dass wir diesen umfangreichen Konfliktkreis “Wolf und Nutztierhaltung” ständig beobachten, beurteilen und Maßnahmen zur Akzeptanzerhaltung oder gar –steigerung bezüglich der Wölfe bei den Nutztierhaltern weiter entwickeln. An dieser Stelle betone ich deutlich, daß ein konfliktfreies Miteinander zwischen Wolf und Nutztierhaltung illusorisch ist. Alles Streben muss in der Erreichung eines konfliktarmen Zusammenlebens mit dem Wolf ausgerichtet sein. Keineswegs sollten wir vergessen, welchen gesellschaftlichen Beitrag die verschiedenen Nutztierhalter täglich aufs Neue für den Rest der Bevölkerung leisten. So dienen sie uns im Bereich der Fleisch- und Milcherzeugung. Sie pflegen nicht nur die für uns überlebenswichtigen Fluß- und Seedeiche, sondern auch die im Flächenanteil größeren Schutzgebiete und anderer Habitate, wie der Weidelandschaft. Die Schafwollegewinnung stellt im Vergleich mit den vorher genannten Wirtschaftszweigen leider schon lange nicht mehr den wirtschaftlich bedeutsamen Anteil dar. Die Alpakawolle besetzt im Vergleich eher nur eine Nische. Die Kunstfaser dürfte also auch weiterhin dominieren. Nutztierhalter leisten darüber hinaus noch einen weiteren wichtigen Beitrag, der eher nur subjektiv zu bemessen ist, aber dennoch einer hohen Priorität beizumessen ist: sie präsentieren allen anderen Bürgern Tiere in der Landschaft. Stellen wir uns einmal vor, dass über Nacht alle Nutztiere (Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde und Gatterwild) aus den verschiedenen Habitattypen für immer – also rund um die Uhr – in Stallanlagen eingeholt würden. Möglicherweise würde es am Anfang niemandem auffallen, bis sich plötzlich erste Mitbürger fragen, wo eigentlich die Tiere abgeblieben sind. Es würde wahrscheinlich eine Diskussion entbrennen, in der die Forderungen nach der erneuten Ausbringung der Tiere auf die Flächen kundgetan wird, die dann wiederum den Landtag oder gar den Bundestag intensiv beschäftigen würde. Nun, klar ist, dass wir dieses Szenario wohl nicht erleben werden. Das wäre auch nicht erstrebenswert. Tatsächlich gibt es schon heute Forderungen aus der Bevölkerung die extensive Weidetierhaltung zu erhalten und weiter auszubauen, also zu fördern.

Dieses Ansinnen beschäftigt ebenfalls die Landespolitik schon länger – also auch schon in denjenigen Zeiten als der Wolf in Niedersachsen noch nicht vorhanden war. Vielleicht ist an dieser Stelle anzubringen, dass auch der Tierschutzgedanke eine immer größerer Rolle in der Beurteilung von Tierhaltung einnimmt. Tatsächlich stelle ich als gebürtiger Ostfriese fest, dass die Anzahl von unseren “Schwarzbunten”, also Milchkühen der Rasse “Holstein-Friesian”, auf den Weiden einiges weniger geworden ist. Die Präsenz der Tiere draußen in der Landschaft nimmt ab, obwohl wir mehr Schwarzbunte als je zuvor in Niedersachsen haben. Wie passt das zusammen? Die ganzjährige Laufstall-Liegeboxenhaltung hat zu dieser Entwicklung geführt, einhergehend mit größer gewordenden Stalleinheiten und der Steigerung des Kuhkomfort in den Ställen. So sehr mich dieser Umstand der geringeren Präsenz der Tiere draußen auch schmerzt, so muss ich zur Kenntnis nehmen, dass es eben aufgrund der heutigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch nicht mehr anders zu gehen scheint.

Zurück zum Wolf. In der wolfsfreien Zeit musste sich ein Nutztierhalter stets darüber Gedanken machen, wie er die Hütesicherheit in Bezug auf die Weidehaltung von Schafen, Kühen oder Pferden herstellt, also was muss der Tierhalter dafür tun, damit seine Tiere nicht die Weide selbstständig verlassen und auf die Straße oder Eisenbahngleise laufen, wo sie dann eine große Gefahr für die öffentliche Verkehrssicherheit darstellen. Desweiteren sollen die Nutztiere gehütet werden, um unerwünschte Fraß- und Trittschäden auf fremden Flurstücken zu vermeiden. Heute, wo Wölfe sich nach und nach in Niedersachsen vermehren und ausbreiten, muss sich der Nutztierhalter zusätzlich Gedanken darüber machen, wie es ihm gelingt, anhand von Herdenschutzmaßnahmen Wölfe von seinen Tieren fernzuhalten. Er muss sich also über die Beschaffenheit seiner Barriereanlagen (mobiler oder fester Zaun, Gatter, Pferch, Graben, Fluß, Hecke, etc.) im Klaren werden und beurteilen, ob eine Auf- bzw. Umrüstung der bestehenden Barriereanlagen erforderlich ist oder nicht.

Vor diesem hier zuvor beschriebenen Hintergrund kam mir schon vor geraumer Zeit die Idee zur Erstellung dieses Buches. Im Wissen, dass grundsätzlich der Nutztierhalter selbst sich über Möglichkeiten zur Errichtung von Herdenschutzmaßnahmen informieren und bemühen sollte, muss an dieser Stelle allerdings auch klar gesagt werden, dass es aus Behördensicht nie zu leisten sein wird, sämtliche Tierhalterbetriebe individuell zu beraten mit Fokus auf einen effektiven Herdenschutz von Nutztieren der unterschiedlichen Arten in Bezug auf freilebende Wölfe in Niedersachsen – auch wenn ich persönlich dieses sehr begrüßen würde bzw. fordere. Mir wurde klar, dass wir uns vor Augen zu führen haben werden, was den Tierhaltern an Herdenschutzmaßnahmen zuzumuten sein darf oder auch nicht. Dieser Aspekt im Kontext zur Akzeptanzerhaltung oder gar –steigerung hinsichtlich der Wölfe muss auch die verschiedenen Habitattypen (Weiden, Moore, Wälder, Deiche, Siedlungsstrukturen im ländlichen Raum, etc.) berücksichtigen, genauso wie die Darstellung von Schwerpunkten der Nutztierdichten in verschiedenen Landkreisen und der hofnahen Tierhaltung.

Mit diesem Buch habe ich die Absicht, einen Beitrag zu leisten, um zu erkennen, welche Möglichkeiten, aber auch Grenzen dem Herdenschutz aus heutiger Sicht gesetzt sind. Ferner hat es auch genauso den Anspruch, für jeden eine Informationsquelle zu sein, um das Wolfsmanagement weiter zu entwickeln. “Jeden” meint also tatsächlich auch jeden, der mit der mit dem Wolf “täglich” zu tun hat. Dazu zählen meines Erachtens nicht die nur Tierhalter sämtlicher Couleur, sondern auch verschiedene Behörden, Verbände, Institute, Politik, Vereine, die Bevölkerung und natürlich die Landesregierung. Auch derjenige Bürger, der sich “ehrenamtlich” oder “auf eigene Faust” für die Sache Wolf engagiert, ist hier gemeint. Dieses Buch ist im Grunde genommen ein Werk, das für fast ganz Deutschland anwendbar ist. Fraglich ist für mich allerdings schon, ob es Herausforderungen im alpinen Raum gibt, für die dieses Buch keine Lösung anbietet. Vor dem Hintergrund, dass Niedersachsen ein buntes Spektrum an Tierhaltungen in Kombination mit verschiedenen Habitaten und Anforderungen aufweist und das zweitgrößte Flächenland in Deutschland ist, sind sämtliche Fallbeispiele und Analysen hierauf bezogen.

Die letztendlich übergeordnete Motivation zur Erstellung dieses Buches liegt in der Tatsache begründet, dass Wölfe strengstens geschützt sind und daher die Nutztierhalter nicht die freie Wahl darüber haben, ob sie diese Tiere in der Nähe ihrer eigenen Nutztiere haben wollen oder nicht. Sie müssen Wölfe dulden. Dieser Umstand führt nachvollziehbarerweise eher zu Ablehnung als zu Zuspruch. Dennoch sollte uns allen daran gelegen sein, für die Nutztierhaltung einzustehen und die Tierhalter nicht allein im Regen zulassen. Es gebührt dem Respekt und der Wertschätzung den Tierhaltern gegenüber, Herdenschutzmaßnahmen aufzuerlegen, wo es erforderlich, aber auch nur dort, wo es machbar und zumutbar ist. Spannend wird die gesamte Thematik Herdenschutz doch erst recht da, wo entsprechende Herdenschutzmaßnahmen nicht möglich, nicht zuzumuten oder nicht finanzierbar sind. Aber was machen wir in solchen Situationen, wenn der Wolf nicht nur gelegentlich vorbei kommt, sondern sich territorial niederlässt?

Dieses Buch zeigt eine Inventur auf, die sich auch beim Blick ins Ausland ergibt. So haben wir beispielsweise anhand von nordamerikanischen und europäischen Studien und Veröffentlichungen geprüft, welche Herdenschutzmaßnahmen umgesetzt werden, welche davon funktionieren und welche nicht – auch mit Blick auf andere Raubtiere. Hierfür haben wir uns z.B. auch den Herdenschutz in Bezug auf wildlebende Kojoten angesehen. In derselben Weise stellte sich uns auch die Frage, wie eigentlich der Dingozaun in Australien errichtet ist. Für die Recherche haben wir deutsche und englischsprachige Literatur und andere Medien herangezogen. Auf anderssprachige Quellen mussten wir wegen der Sprachbarriere verzichten.

Auch wenn der rechtliche Schutz der wild lebenden Wölfe in Deutschland maximal hoch ist, werden in diesem Buch – mit dem Anspruch auf die Darstellung aller uns bekannt gewordenen Möglichkeiten – bewusst auch Maßnahmen im Umgang mit auffälligen Wölfen dargestellt und auch Verbotszonen, also wolfsfreie Gebiete, diskutiert – wissend, dass das hoch emotionale Themen sind. Der oft wiederkehrende Ruf von einigen Nutztierhaltern nach der Bejagung der Wölfe wird hier ebenfalls reflektiert.

Letztlich soll die Forschung und Weiterentwicklung von Herdenschutzkonzepten als nicht unerwähnt bleiben. Auch darauf geht dieses Buch ein. Forschungsergebnisse verschiedener Untersuchungen werden in diesem Buch genauso dargestellt, wie Herdenschutzmaßnahmetests an Gehegenwölfen.

Lange habe ich überlegt, ob ich Schadensbilder durch den Wolf verletzter oder getöteter Nutztiere in einem Kapitel darstelle und damit einhergehend auch die Rissbegutachtung beleuchte. Ich habe mich entschlossen, darauf zu verzichten, da es zum einen ein sehr komplexes Arbeitsfeld und zum anderen ein sehr emotionales Thema ist. Manch ein Leser könnte meiner Auffassung nach von der Präsenz solcher Bilder in der Bewertung von Wölfen und in der Anwendung von Herdenschutzmaßnahmen “beeinflusst” werden. Dieses Entscheidung soll in keiner Weise dazu dienen, den Wolf “gut” darstehen zu lassen – allerdings soll es den Wolf auch nicht “schlecht” darstellen.

Vor dem Hintergrund der Komplexität verzichte ich in diesem Buch auch auf die Darstellung finanzieller Unterstützungsmöglichkeiten der Nutztierhalter, weil ich es in seiner Vollständigkeit nicht zu beurteilen vermag.”

Europäischer Grauwolf im Wolfcenter Dörverden Frank Fass