Alpha-, Beta- und Omegawölfe
Begrifflichkeiten wie der Alphawolf und Omegawolf sind immer wieder Gegenstand von Fragen in unseren Vorträgen. Der Alphawolf soll dabei als absoluter Chef des Rudels fungieren, während der Omegawolf der Prügelknabe sein soll. Grundsätzlich, und hier nur kurz dargestellt, ist zu sagen, dass diese beiden Verhaltensklassifizierungen in Bezug auf Wolfsindividuen nur anhand von in Gehegen lebenden Wolfsgruppen (häufig Geschwistergruppen, auch mit Inzestnachwuchs) beobachtet wurden.
In freier Wildbahn leben in der Regel die beiden Elterntiere mit ihrem eigenen Nachwuchs zusammen bis der Nachwuchs mit Erreichen der Geschlechtsreife abwandert und somit die Eltern für immer verlässt. Wölfe sind hochsoziale Lebewesen und daher verwundert es nicht, dass beide Elterntiere ihren Nachwuchs auf- bzw. erziehen. Wer sich mit Erziehung im Allgemeinen näher befasst, weiß, dass Erziehung neben soziopositiven Aspekten auch sozionegative enthält – so auch bei Wölfen. Das bedeutet, dass beide Elterntiere eine natürliche Autorität genießen, aber gelegentlich ihre Welpen auch maßregeln.
In Nordamerika sind gelegentlich große Rudel entdeckt und untersucht worden (30 Wölfe und mehr). In diesen großen Rudeln werden sicherlich ausgedehntere soziale Konstellationen unter den Wölfen vorherrschen, die ein dauerhaftes Miteinander ermöglichen, als bei den in Europa vorkommenden Rudeln. Dennoch wird auch hier der Alphawolf und Omegawolf nach der üblichen Definition nicht anzutreffen sein.
Die Präsentation von Wölfen in Gehegen
Grundsätzlich besteht häufig – richtigerweise – der Anspruch, dass Wildtiere nicht in Gehegen gehalten werden sollten, um sie dann Besuchern zu präsentieren oder sich selbst die Haltung auf privater Ebene zum Hobby zu gestalten, selbst wenn sie bereits in Gehegen geboren wurden und in selbigen aufgewachsen sind. Im Wolfcenter halten wir ganz bewusst lebende Wölfe in Gehegen. Sie sollen uns als Vertreter und somit Botschafter ihrer Art in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen. Die Wahrscheinlichkeit, heutzutage in Deutschland einen lebenden Wolf in freier Wildbahn anzutreffen ist zwar je nach Region nicht Null, aber doch sehr gering. Wir zeigen lebende Wölfe, damit unsere Informationen besser erläutert werden und Menschen überhaupt mal einen lebenden Wolf sehen können. Richtig ist, dass sich das Leben von Wölfen in Gehegen zu denen in freier Wildbahn aus verschiedenen Gründen unterscheidet.
Handaufzucht von Wolfswelpen durch Menschen
Einige unserer Wölfe sind durch uns und unterstützend auch von verschiedenen Praktikanten, die uns dabei begleitet haben, von Hand aufgezogen worden. Während ihrer zweiten Lebenswoche haben wir die Europäischen Grauwolfswelpen (Canis lupus lupus) zu uns geholt und dann mit der Milchflasche weiter von Hand aufgezogen. Im Wolfcenter haben wir nur einen Grund Wölfe von Hand aufzuziehen: Der Besucher kann die Wölfe besser im Gehege entdecken und anschauen. Von Hand aufgezogene Wölfe kommen viel besser damit zurecht, dass Besucher die Gehege vollständig auf den Wegen umrunden. Sie halten sich bevorzugt in der Nähe der Gehegeumzäunung auf, obwohl ihnen das gesamte Gehege mit all seinen Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung steht. Dass sie stattdessen häufig direkt in Zaunnähe anzutreffen sind, zeugt davon, dass sie durch die Besuchernähe keinerlei Stress zu empfinden scheinen. Im Vergleich müssen nicht von Hand aufgezogene Wölfe stets die Möglichkeit haben sich zurückziehen zu können, um nicht einem permanenten Stress ausgesetzt zu sein! Natürlich ist es auch für uns als Wolfcenter-Team eine spannende Angelegenheit Wölfe von Hand aufzuziehen und dabei ihre ontogenetische und ethologische Entwicklung zu beobachten. Dennoch stellen wir an dieser Stelle bereits ganz klar heraus, dass es unserer Meinung nach als Mensch unmöglich ist als sogenannter Alphawolf oder als Wolfseltern zu fungieren. Zwar werden Wölfe durch die Handaufzucht an den Menschen sozialisiert, aber eine erzieherische Rolle kann der Mensch dabei nur bedingt einnehmen. Wir weisen an dieser Stelle auf die mögliche und wahrscheinliche Gefahr von handaufgezogenen Wölfen hin. Wenn handaufgezogene Wölfe geschlechtsreif werden (ca. 2 – 3 Jahre alt) können sie sich schlagartig aus territorial motivierter und somit ressourcenbedingter Aggression gegen den Sozialpartner Mensch stellen. Verschiedentlich kam es dabei bereits zu schweren Verletzungen des Menschen. Desweiteren kann es auch während der Paarungszeit der Wölfe zu einer erhöhten Gefahr für den Menschen beim Betreten des Geheges kommen, da sich während der Paarungszeit bei den Tieren hinsichtlich der sexuellen Motivation eine ressourcenbedingt erhöhte Aggressivität einstellen kann. Gerade in Bezug auf den Europäischen Grauwolf hat es sich in der Vergangenheit gezeigt, dass sich diese Wolfsunterart im Vergleich zu anderen Unterarten bei einer Handaufzucht - hinsichtlich eines dauerhaften problemfreien Kontakts zu den, in ihr Gehege gehenden, Menschen - als schwierig erweisen kann. Häufig werden daher gerne Timberwölfe oder Polarwölfe, bzw. Hudson Bay Wölfe für eine Handaufzucht verwendet, da verschiedene Erfahrungen zeigen, dass diese Wolfsunterarten sich länger an den handaufziehenden Menschen sozio-positiv orientieren.
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